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Die Wiederentdeckung der nordischen Mythologie

Geposted von lavergne frederic am

Die Wiederentdeckung der nordischen Mythologie

Die Ende des achten Jahrhunderts wiederentdeckte nordische Mythologie ist seither Gegenstand zahlreicher Interpretationen von Philologen, Sprachwissenschaftlern und vor allem Religionshistorikern gewesen, was zu einigen rassistischen Missbräuchen geführt hat.

Die lange in Vergessenheit geratene nordische Mythologie wurde Ende des 18. Jahrhunderts mit den Anfängen der romantischen Bewegung wiederentdeckt. Der Genfer Paul Henri Mallet, Professor für Literatur an der Kopenhagener Akademie, war der erste, der 1756 in seinem Werk Monuments of Celtic Mythology and Poetry Übersetzungen der Eddas und insbesondere der Skandinavier veröffentlichte. Doch erst 1835 und 1836 erschienen die ersten wissenschaftlichen Studien zur deutsch-skandinavischen Mythologie, nämlich Ludwig Uhlands Der Mythus von Thor und die Deutsche Mythologie von Jacob Grimm, der vor allem als Verfasser von Kinder- und Hausmärchen zusammen mit seinem Bruder Wilhelm bekannt ist. Grimms Werk war besonders einflussreich. Auch wenn sein Hauptaugenmerk auf der germanischen Mythologie lag, kam er an skandinavischen Texten nicht vorbei. Obwohl er die Beiträge der Archäologie nicht einbezog, ist sein Werk immer noch eine der umfassendsten Darstellungen der skandinavischen mythologischen Literatur und Folklore.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der vergleichende Ansatz von Alvin Boyd Kuhn und insbesondere von Max Muller in seinem Aufsatz über vergleichende Mythologie (1859) entwickelt. Bei dem Versuch, die vermeintlich indogermanische und proto-germanische Religion zu rekonstruieren, neigte diese Denkschule dazu, voreilige oder falsch interpretierte Schlüsse zu ziehen. Vor allem Müller bedauerte, dass seine Theorie einer gemeinsamen Matrix für die Religionen Indiens und Europas in rassistische Begriffe übersetzt worden war. Es folgten Studien über zeitgenössische Bräuche zur Deutung der deutsch-skandinavischen Mythologie, insbesondere Wilhelm Mannhardts Wald- und Feldkulte (1875). Die so eröffnete Ader setzte sich fort bis zur Goldenen Palme, einem Weltinventar von Mythen und Ritualen und einem wahren Gründungswerk der religiösen Anthropologie und vergleichenden Mythologie, das von James George Frazer von 1911 bis 1915 in zwölf Bänden veröffentlicht wurde.

Philologie und Toponymie

Jahrhunderts wandte sich die Philologie ihrerseits der Mythologie zu, um eine hyperkritische Interpretation zu entwickeln. In seinen Studien über den Ursprung der nordischen Mythologie und der Heldengeschichten (1880) bestritt der Norweger Sophus Bugge die Echtheit der nordischen Mythen, da er sie für ausschließlich christlich und klassisch inspiriert hielt. Auch wenn wir von diesem überkritischen Zweifel zurückgekommen sind, hat Bugge einen distanzierten Blick eingeführt, der nun in die Studie integriert ist. Eugen Mogk greift die Zuverlässigkeit der Edda in Prosa an, da die meisten der darin erzählten Mythen der Phantasie von Snorri Sturlusson (frühes dreizehntes Jahrhundert) entstammen. Obwohl diese Kritik insofern gültig ist, als die Edda ein literarisches Werk ist, bevor sie eine Kompilation ist, wird Snorri im Allgemeinen immer noch als zuverlässiger Autor angesehen.

Im 20. Jahrhundert führte Magnus Olsen die Toponymie als neue Quelle für das Studium der nordischen Mythologie ein, während F.R. Schroder die vergleichende Mythologie auf nicht-germanische Religionen ausweitete. Diesen Weg beschritt der große Religionshistoriker Georges Dumézil, der seit den 1920er Jahren mit seiner Theorie der funktionalen Dreiteilung den Weg der Parallelen zu den Glaubensvorstellungen anderer indoeuropäischer Völker durch das Studium ihrer prähistorischen Soziologie beschritt. Wiederum auf der Grundlage der germanischen Mythologie dehnte der Niederländer Jan de Vries in seiner Atlgermanischen Religionsgeschichte (1935) seine bis heute als relevant erachtete Studie auf das skandinavische Universum aus, wenngleich seine elitäre Zivilisationsauffassung diesen Autor den Wiedergutmachungsversuchen der Nazis aussetzte und nach dem Krieg zu seiner vorübergehenden Inhaftierung führte. Mit dem kürzlich erschienenen Buch The Aesir's Enclosure: Spirituality of the Northmen (2017) hat Aurelia Petri gezeigt, dass die Erneuerung der Zugänge zur nordischen Mythologie nach wie vor auf der Tagesordnung steht.

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